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TV-Geld

Gefährdet die Premiere League den deutschen Fußball?

Was wurde nicht alles geschrieben und gesprochen darüber, dass die deutsche Bundesliga ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Premiere League verlieren könnte? Aber was ist wirklich dran?

Klar. Die Premiere League ist die umsatzstärkste Fußball-Liga der Welt. Ab dieser Saison erhalten die 20 Teams pro Jahr EUR 3,16 Mrd. allein aus dem Verkauf der Fernsehrechte (inkl. Auslandsvermarktung). Jedes Team der Premiere League erhält damit mehr als EUR 100 Mio. pro Jahr und damit mehr als zum Beispiel der FC Bayern in Deutschland. Aber welche Entwicklungen sind zu erwarten? Wandern nun alle Topspieler der Welt nach England ab und werden die englischen Teams diese Kaufkraft auch für einen sportlichen Höhenflug nützen können?

„Geld schießt keine Tore…“

…hat man schon oft gehört. Meiner Meinung nach muss man differenzieren. Geld allein schießt keine Tore. Aber Geld ist eine gute Grundlage. Mit Geld entstehen Möglichkeiten. Ob sich das bei Topklubs wie Chelsea, Arsenal, Manchester United, Manchester City und Liverpool stark auswirkt, wird man sehen. Aber man kann erkennen, dass Mittelständler und Nachzügler plötzlich mehr Möglichkeiten haben. Der Meistertitel von Leicester oder aktuelle Transfers von solchen Klubs können als Beispiel dafür dienen.

Voraussetzung für Erfolg durch mehr Geld ist aber, dass die Klubs sorgsam mit dem Geld umgehen. Ich habe allzu oft in der Wirtschaft beobachten können, dass sich Verantwortliche nicht mehr so viele Gedanken über die Geldverwendung machen, wenn sie über genügend Mittel verfügen. Im Fußball ist die Gefahr aufgrund der Emotion und des gewünschten sportlichen Erfolgs noch höher. Wenn man jeden Euro zwei Mal umdrehen muss, bevor man ihn ausgibt, investiert man mehr „Hirnschmalz“ in die Entscheidungen. Hat man mehr als genug Geld, kauft man vielleicht die falschen Spieler, zu viele Spieler oder zu teure Spieler, vernachlässigt den Nachwuchs, etc.

Die Premiere League ist selbst ein gutes Beispiel dafür. Die Top-Klubs hatten schon jetzt jede Menge Geld. Aber der sportliche Erfolg auf internationaler Ebene hielt sich in den letzten Jahren doch sehr in Grenzen.

Geldentwertung

Wie Schalke-Sportvorstand Heidel zuletzt im Kicker-TV erzählte, steigen die Ablöseforderungen automatisch, wenn auf dem Handydisplay eine englische Telefonnummer aufscheint. Trotzdem werden Spieler verkauft und gekauft, wie etwa Leroy Sane um EUR 50 Mio. Wie jeder interessierte Fußballfan in der vergangenen Transferperiode feststellen konnte, sind die Ablösesummen regelrecht explodiert. Aber erhalten die englischen Vereine dadurch automatisch mehr Qualität? Spieler kosten durch die Geldschwemme in England jetzt einfach mehr wie vorher. Aber sie wurden dadurch ja nicht mit einem Schlag besser. Es ist also eine gewisse Geldentwertung im Gange. Das zusätzliche Geld, das in den Kreislauf Fußball gespült wurde, traf auf ein begrenztes Angebot. Jedes Team benötigt 11 Spieler am Platz und noch eine gewisse Anzahl im Kader. Kein Team benötigt 100 Spieler. Also kann man pro Spieler mehr ausgeben. Man bekommt als einzelnes Team vielleicht bessere Spieler, aber in Summe ist das Angebot das selbe wie vorher. Nur eben teurer.

Gehen nun alle Stars nach England?

Nein. 20 Vereine in der Premiere League können vielleicht 500 Spielern eine Aussicht auf Einsatzzeiten geben. Vielleicht 100 davon können sich auch in der Champions League zeigen. Es gibt also viel zu wenig Plätze, dass nun die „ganze Welt“ nach England geht. Zwar werden vermehrt Stars verschiedener Länder, so auch aus Deutschland, den Weg in die Premiere League gehen, aber es werden auch genügend Stars in anderen großen Ligen, so auch in der deutschen Bundesliga spielen.

Deutschland wird sich nur damit anfreunden müssen, was für andere, kleinere Länder ganz normal ist. Etwas mehr Legionäre in der Nationalmannschaft. Aber ich wage zu behaupten, dass es in Deutschland nicht so weit kommen wird wie etwa in Österreich, wo meist kein Nationalspieler in der heimischen Liga spielt. Dafür ist die deutsche Bundesliga zu attraktiv.

Bleibt die deutsche Bundesliga attraktiv?

Auf jeden Fall. Wie gesagt wird es einen gewissen Aderlass an Stars geben, aber ich sehe auch Vorteile darin. Erstens wird eine Menge Geld von England nach Deutschland überwiesen. Von den deutschen Vereinen hängt es nun ab, wie sie mit diesem Geld umgehen. Machen sie mit bei dem Preistreiben oder investieren sie das Geld in die Zukunft. Immerhin ist mit gut ausgebildeten Spielern immer mehr Geld zu verdienen.

Zweitens behaupte ich, dass nicht nur die sogenannten Top-Stars eine Liga attraktiv machen. Wo kommen die Stars denn her? Aus dem Nachwuchs. Irgendein Verein muss die ausgebildet haben. Je mehr „fertige“ Spieler abwandern, desto mehr Platz entsteht für die eigenen Talente. Die vielen eingenommen Millionen nach einem überteuerten Transfer gleich selbst wieder in überteuerte Spieler zu investieren, hielte ich für einen Fehler.

Globales Vermarktungspotenzial

Sportlich wird die deutsche Bundesliga also wettbewerbsfähig bleiben. Mit dem Vermarktungspotenzial sieht’s da schon anders aus. Es ist ja nicht neu, dass die Premiere League weltweit das größte Interesse an sich zieht. Das mag damit zu tun haben, dass diese Liga und ihre Top-Klubs sich schon früh international positionierten, speziell in Asien. Auch durch die Sprache war es für sie leichter. Ich glaube das wird mittelfristig keine andere Liga aufholen können. Langfristig hoffe ich, dass der sportliche Erfolg eine Rolle spielt. Wenn englische Vereine weiterhin keine internationalen Titel gewinnen, dann haben andere Ligen eine Chance, in der globalen Wahrnehmung aufzuholen. Die deutsche und die spanische Liga sind da aus meiner Sicht die einzigen Anwärter.

National sehe ich gar kein Problem. Die Attraktivität der Bundesliga im deutschen bzw. deutschsprachigen Markt wird die Premiere League nicht aufholen können. Vielleicht holt sie auf. Mehr und günstigere Möglichkeiten, die Spiele zu verfolgen, wie zum Beispiel nun via Internetstream DAZN könnten dazu beitragen, dass die Konsumenten mehr Premiere League sehen. Aber in Summe wird die Bundesliga im Heimmarkt steht’s Marktführer bleiben.

Fazit

Für Panik aufgrund der Fernseh-Milliarden der Premiere League besteht in Deutschland also kein Anlass. Die Engländer müssen erst mal zeigen, dass sie mit dem Geld etwas erreichen. Und da ein Teil des Geldes in Deutschland landet, haben die deutschen Klubs die Chance, hohe Einnahmen zu erzielen, die sie ihrerseits dann intelligent und nachhaltig einsetzen. Nachdem die Premiere League-Klubs meiner Meinung nach das viele, bereits in der Vergangenheit vorhandene Geld nicht immer optimal eingesetzt haben, sehe ich das für die deutschen Klubs sogar als überwiegend positive Entwicklung.